
Ich lebe seit 2005 gemeinsam mit meinem Mann Holger in Berlin. Schon seit vielen Jahren vermieten wir einen Teil unserer Wohnung als Bed & Breakfast und haben dabei Gäste aus aller Welt kennengelernt. In anderen Phasen hatten wir auch feste Mitbewohner und haben die Erfahrung gemacht, wie bereichernd der Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen sein kann.
Einer unserer Mitbewohner stammt aus Abidjan in der Elfenbeinküste. Er wurde dort geboren und ist dort aufgewachsen, studierte später Theologie in London und lebte mehrere Jahre bei uns in Berlin, bevor er nach Madrid zog. Durch ihn entstand die Gelegenheit, endlich den letzten Kontinent zu bereisen, der auf meiner persönlichen Reiseliste noch fehlte: Afrika.
Im Jahr 2023 reiste ich zum ersten Mal nach Abidjan. Die Stadt, ihre Menschen und ihre besondere Atmosphäre haben mich sofort begeistert. Was ursprünglich als einmalige Reise gedacht war, wurde schnell zu einer echten Leidenschaft. Inzwischen bin ich mehrfach in die Elfenbeinküste zurückgekehrt und habe dort viele Freundschaften geschlossen.
Besonders beeindruckt hat mich, dass die Elfenbeinküste bis heute kein klassisches Massentourismusziel ist. Viele Orte sind noch ursprünglich und authentisch. Wer hierher reist, erlebt nicht eine für Touristen geschaffene Welt, sondern den Alltag eines faszinierenden westafrikanischen Landes. Man begegnet Menschen, Kulturen und Lebensweisen auf eine unmittelbare und ehrliche Art, die in vielen Reisezielen längst verloren gegangen ist.
Natürlich gibt es in der Elfenbeinküste Herausforderungen. Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Probleme sind vielerorts sichtbar und prägen den Alltag vieler Menschen. Wie überall auf der Welt begegnet man dort ganz unterschiedlichen Charakteren – hilfsbereiten, freundlichen Menschen ebenso wie Menschen, die vor allem mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt sind.
Was mich dennoch beeindruckt hat, ist die große Lebensenergie vieler Ivorer. Trotz oft schwieriger Lebensumstände wird viel gelacht, gefeiert und das soziale Miteinander hat einen hohen Stellenwert. Familien, Freundschaften und Nachbarschaften spielen eine wichtige Rolle. Diese Mischung aus Herausforderungen, Lebensfreude und Authentizität hat mich von Anfang an fasziniert und ist einer der Gründe, warum ich immer wieder nach Abidjan zurückkehre.
Bei meinem ersten Aufenthalt lernte ich Fidel kennen. Durch seine offene, unkomplizierte und vertrauenswürdige Art entstand schnell eine enge Freundschaft. Mit der Zeit entwickelte sich die Idee, gemeinsam einen Ort zu schaffen, an dem Reisende die Elfenbeinküste nicht nur besuchen, sondern durch persönliche Kontakte und lokale Erfahrungen wirklich kennenlernen können.
So entstand dieses Gästehausprojekt in Cocody-Angré. Fidel lebt vor Ort und unterstützt unsere Gäste bei Fragen, Ausflügen und den praktischen Dingen des Alltags. Er kennt die Stadt hervorragend und hilft dabei, Abidjan aus einer authentischen Perspektive zu entdecken. Wer möchte, kann mit seiner Hilfe Orte kennenlernen, die man als gewöhnlicher Tourist kaum finden würde.
Später kam mit David ein weiterer Freund hinzu, der sich ebenfalls finanziell an dem Projekt beteiligt hat. Dadurch wurde aus einer persönlichen Idee ein kleines internationales Gemeinschaftsprojekt zwischen Deutschland, der Elfenbeinküste und den USA.
Dieses Projekt hat für mich auch eine soziale Komponente. Es soll nicht nur Reisenden einen besonderen Aufenthalt ermöglichen, sondern gleichzeitig Menschen vor Ort neue Perspektiven eröffnen. Fidel trägt heute eine wichtige Verantwortung innerhalb des Projekts und ist ein wesentlicher Teil seines Erfolges.
Mir war von Anfang an wichtig, keinen anonymen Beherbergungsbetrieb aufzubauen. Ich möchte einen Ort schaffen, an dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die Kultur der Elfenbeinküste kennenlernen und Abidjan so erleben können, wie ich die Stadt selbst kennengelernt habe: authentisch, lebendig, vielfältig und voller Überraschungen.
Dieses Projekt ist für mich weit mehr als eine Unterkunft. Es verbindet Menschen, Kulturen und Freundschaften. Was mit einer Reise begann, ist inzwischen zu einem echten Herzensprojekt geworden. Ich freue mich darauf, meine Begeisterung für Abidjan und die Elfenbeinküste mit meinen Gästen zu teilen und ihnen einen Einblick in ein Land zu ermöglichen, das touristisch noch weitgehend unentdeckt ist und gerade deshalb so viele besondere Erfahrungen bereithält.
Stephan Franke-Knauf
Berlin & Abidjan 🇩🇪 🇨🇮